Indígena-Organisation CONAIE wird zu einem größeren Machtfaktor

Zweiter Marsch auf Quito

EKUADOR Die Indígena-Organisation CONAIE verfügt inzwischen über ein solches politisches Hinterland, dass sie als Machtfaktor nicht mehr übergangen werden kann

Ein Jahr nach dem Aufstand, der in der Entmachtung des Präsidenten Jamil Mahuad am 21. Januar 2000 gipfelte, rebellieren Ekuadors Indígenas erneut. Seinerzeit war es ihnen gemeinsam mit revoltierenden Militärs gelungen, ohne Blutvergießen das Parlament zu stürmen und eine Regierung der Nationalen Rettung auszurufen. Doch nur 24 Stunden später übernahm Vizepräsident Gustavo Noboa dank eines Schachzugs der Generalität die Präsidentschaft. Die Indígenas räumten das Parlament, und Antonio Vargas, Vorsitzender der Indígena-Organisation CONAIE (Konföderation Indianischer Nationen Ekuadors) erklärte damals: "Wir sind nicht besiegt - es ist nur ein Traum zu Ende gegangen. Wir kommen wieder, in sechs Monaten oder einem Jahr, wenn die Regierung unsere Forderungen nicht erfüllt." Er sollte Recht behalten.

Seit Beginn der Erhebung am 29. Januar steht die CONAIE - inzwischen mit drei Millionen Mitgliedern stärkste Organisation Ekuadors - wieder an der Spitze des Protestes. Sie fordert nicht nur eine Rücknahme der jüngsten drastischen Verteuerung von Treibstoff, Haushaltsgas und Öffentlichen Verkehrsmitteln, sie will vor allem die Abkehr von der Dollarisierung der einheimischen Ökonomie - ein Vorhaben, das bereits als Initialzündung für den vorherigen Aufstand wirkte und zunächst verschoben wurde.

Entstanden ist die CONAIE, die Angehörige 28 verschiedener ethnischer Gruppen vereint, im Jahre 1986 als Verbund der drei indígenen Organisationen in den Hauptregionen des Landes (40 Prozent der 12,5 Millionen Einwohner sind indianischer Herkunft): dem bergigen Zentrum, dem Amazonas und der Küste.

CONAIE verstand sich von Anfang an als libertäre Gemeinschaft, die auch nicht-indígene Strukturen wie Gewerkschaften und städtische Basisorganisationen ansprechen wollte. Dieser Öffnung war einer Transformation zu danken, die unmittelbar nach einem ersten Aufstand 1990 einsetzte, nachdem es zunächst noch um spezifische Interessen der indianischen Bevölkerung - Landkonflikte, Anerkennung nationaler Pluralität, Bildungsdefizite - gegangen war.

Mittlerweile dominieren präzise Vorstellungen für einen Wandel in Politik und Wirtschaft das CONAIE-Programm. Schon 1995 entstand aus dieser Intention heraus die Wahlallianz Plurinationale Einheit Pachakutik - Neues Land. Ein Bündnis, das sich als "Artikulation einer sozialen und wirtschaftlichen Alternative" definierte. Pachakutik - übersetzt: Neuer Sonnenaufgang - gewann im Mai 2000 bei den Kommunal- und Regionalwahlen dann auch prompt 33 Rathäuser und fünf Regionalverwaltungen. In 27 der 33 Kommunen regiert Pachakutik zur Zeit allein - in den restlichen sechs in einer Koalition mit anderen Linksparteien, vorwiegend marxistisch orientierten. Daher taucht Ekuador heute auch in der Liste jener Länder auf, denen die CIA spezielle Berichte widmet, um vor "indígenen Bewegungen" zu warnen.

Ohne Zweifel ist CONAEI augenblicklich die mächtigste Indígena-Organisation Lateinamerikas. Sie vermochte nicht nur einen höheren Anteil der indianischen Bevölkerung zu motivieren als Gruppen anderer Länder, ihr gelang auch - im Unterschied zur Zapatistischen Bewegung (EZLN) in Mexiko - ein zwischenzeitlich konsolidiertes, strategisches Bündnis mit anderen sozialen, besonders gewerkschaftlichen Partnern. Die CONAIE und mit ihr ein heterogenes oppositionelles Spektrum verkörpern somit eine wirkliche Alternative zum bestehenden System der traditionellen Eliten. Calixto Anapa - bis April 2000 Mitglied der mit der Regierung verhandelnden CONAIE-Kommission - meint: "Wir glauben an eine friedliche Revolution, an die Einheit und Beteiligung aller Sektoren. Daher ist es geradezu zwingend, gewisse Abkommen mit Mitgliedern der Streitkräfte zu schließen, die den Prozess der Veränderung bedingungslos unterstützen."

Das Bündnis mit Fraktionen des Militärs war im vergangenen Jahr schließlich auch dafür verantwortlich, dass während der Rebellion vom Januar gewaltsame Konfrontationen ausblieben. Calixto Anapa analysiert gelassen: "Die Mobilisierung im Vorjahr diente dazu, das Kräfteverhältnis zwischen der traditionellen Macht der ekuadorianischen Rechten und den alternativen Kräften der indianischen Völker und sozialen Bewegungen zu messen. Schließlich mussten wir zurückweichen. Wir sahen überrascht, dass es uns durchaus möglich sein kann, vorhandene Strukturen oder Institutionen buchstäblich aufzulösen. Nur hatten wir nicht damit gerechnet, dass es so leicht sein würde. Darauf waren wir nicht vorbereitet."

Daher besetzten Indígenas jetzt auch eine Radiostation, um eigene Informationen verbreiten zu können. Im vergangenen Jahr war fehlende mediale Präsenz noch eine Schwachstelle. Dafür ist bei der gegenwärtigen Eskalation bisher keine Unterstützung aus Militärkreisen zu bemerken, obwohl die CONAIE angibt, immer noch mit progressiven Offizieren in Kontakt zu stehen. Calixto Anapa gibt sich dennoch zuversichtlich: "Wir kämpfen um zu siegen. Wir bereiten uns darauf vor, eine gerechte und interkulturelle Gesellschaft aufzubauen, die vorhandene Ressourcen vernünftig und ausgewogen nutzt ..."


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