Nachhaltige Arbeit und Just Transition statt Arbeitsgesellschaft und Klimakatastrophe

Kapitalismus optimieren oder abschaffen?

Kapitalismus optimieren oder abschaffen? Nachhaltige Arbeit und Just Transition statt Arbeitsgesellschaft und Klimakatastrophe

Arbeiter*innen und die dazu gehörenden Communities sind potenziell die einzigen mit einem realen Interesse an einer Überwindung der Arbeitsgesellschaft und einer nachhaltigen und nicht umweltzerstörenden Produktion. Und es sind auch jene, welche die sozial-ökologische Transformation wesentlich tragen müssen. Wenn sie nicht die zentrale Rolle in der Definition und Praxis der Transformation übernehmen, wird es eine solche nicht geben, wie Sozialwissenschaftler Dario Azzellini in seinem Beitrag zur BG-Textreihe „Allied Grounds“ argumentiert.

Über die Notwendigkeit den globalen Temperaturanstieg unter 1,5 C zu halten besteht wissenschaftlicher Konsens. Die benötigten Maßnahmen sind bekannt. Mit der Natur gibt es keinen Verhandlungsspielraum. In Regierungsdokumenten heißt es, es bedarf dafür einer Änderung des vorherrschenden Konsum- und Produktionsmuster. Es wird jedoch vermieden über Arbeit zu sprechen, geschweige denn Arbeit oder unbezahlte Arbeit in Frage zu stellen und den Zusammenhang zur Klimakrise herzustellen.

Wenn von Arbeit doch die Rede ist, dann für gewöhnlich Versprechungen von „Green Jobs“ in einer „Green Economy“. Beide Konzepte hinterfragen nicht das kapitalistische Produktionsmodell und beruhen auf der Idee vom „grünem Wachstum“. Die Qualität der Arbeit spielt dabei, jenseits von Absichtsbekundungen, keine Rolle. Dabei sind Green Jobs, wie Untersuchungen in verschiedenen europäischen Ländern zeigen, großteils wenig qualifiziert, mehrheitlich prekär und schlechter bezahlt, und werden zu etwa 70% mit Männern besetzt. Weitgehend abwesend ist auch die Klassenfrage. Somit gerät aus dem Blick, wer für die meisten Emissionen und den größten Ressourcenverbrauch verantwortlich ist, und wer für die sozial-ökologische Transformation aufkommt.

Bisherige „Lösungen“ sind gescheitert

Regierungen und Kapital setzen auf eine Veränderung der Konsum- und Produktionsmuster bei der jedoch alles bleiben soll wie es ist. In der Produktion wird auf den „Technological Fix“ gesetzt: Die Lösung aller Umweltprobleme durch künftigen technologischen Fortschritt. Weltweit werden Unternehmen, die CO2 aus der Luft saugen und unterirdisch oder im Meeresboden speichern wollen, mit Milliardensummen gefördert. Allein die US-Regierung kündigte kürzlich US$ 3,7 Milliarden Förderung an. „Lassen Sie Wissenschaft, Innovation und den Markt miteinander konkurrieren, um die Lösungen zu finden,” so Vertrer*innen der Industrie zur Kohlendioxid-Abscheidung und -Lagerung (Carbon Capture and Storage, CCS). Eine UN-Kommission stellte hingegen fest, die Aktivitäten zur Entfernung von CO2 seien „technologisch und wirtschaftlich unerprobt, insbesondere in großem Maßstab, und bergen unbekannte ökologische und soziale Risiken“.

Eine Diskussion um die drastische Reduktion des Ressourcenverbrauchs bleibt aus. Recycling und Kreislaufwirtschaft sollen diesen reduzieren. Der Verbrauch nicht-erneuerbarer Ressourcen nahm aber in den vergangenen Jahrzehnten nicht weniger zu als die Recyclingquote. Diese stieg im EU-Durchschnitt von 10,8 Prozent in 2010 auf 11,7 Prozent in 2021 (etwas weniger als 2020). In Deutschland lag sie mit 12,7% in 2021 (12,9% in 2019) nur knapp über dem EU-Durchschnitt. Das EU-Ziel einer 100-prozentigen Zirkularitätsrate bis 2050 ist offensichtlich unerreichbar. In Ländern mit hohem Ressourcenverbrauch ist die Recyclingquote sogar am niedrigsten: Mit 44,3 Tonnen jährlichem Ressourcenverbrauch pro Person hält Norwegen eine globale Spitzenposition, während die Zirkularitätsrate bei nur 2,4% liegt.

Technologie und Recycling sind wichtig in der sozial-ökologischen Transformation. Als Lösung der Umweltkrise sind sie jedoch bereits gescheitert. Laut IPCC waren die weltweiten Treibhausgasemissionen 2019 12% höher als 2010 und 54% höher als 1990. 42% der historisch kumulativen CO2-Emissionen seit 1850 gehen auf die Jahre 1990 bis 2019 zurück, als bereits zahlreiche Abkommen gegen den Klimawandel in Kraft waren. „System change not climate change“ ist daher mehr als eine Losung. Im Folgenden werde ich darlegen, was es für eine sozial-ökologische Transformation zu beachten gilt. Mein zentraler Vorschlag: Wir müssen Arbeit in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen.

Ein entscheidendes Instrument von unten

Warum auf Arbeit fokussieren, wenn das Leben durch die Klimakatastrophe bedroht ist? Wir leben in Arbeitsgesellschaften. Arbeit gilt als Medium zur Befriedigung individueller und sozialer Bedürfnisse. Die Neukonzeption, Neuorganisation und Aufwertung von Arbeit als nachhaltige Arbeit, ist ein entscheidendes Instrument von unten, um eine Just Transition – also einen gerechten Übergang – voranzutreiben und zu gewährleisten. Der Wandel der Produktions- und Konsummuster allein wird nicht zur erforderlichen sozial-ökologischen Transformation führen. Beschäftigung und Arbeitsmärkte verändern sich bereits und wir müssen sicherstellen, dass Arbeit selbst in all ihren Aspekten nachhaltig wird. Es ist auch in Frage zu stellen, ob die Transformation von Produktions- und Konsummustern überhaupt ohne die Transformation der Arbeitsgesellschaft möglich ist (und umgekehrt).

Was ist nachhaltige Arbeit? Zunächst ist „nachhaltige Arbeit“ ein Teil der 2016 verabschiedeten 17 Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) der UN für das Jahr 2030. Diese sollten in globale, EU-weite und nationale Politiken einbezogen werden, was bezüglich nachhaltiger Arbeit nicht geschieht. Neben den sehr allgemein gehaltenen SDG finden sich in Dokumenten der UN und der ILO, Elemente für eine Definition nachhaltiger Arbeit, die ich um weitere ergänzen werde. Zu UN und ILO ist anzumerken, dass sie in einer Wachstumslogik verharren und letztlich immer bei Green Jobs landen, die an eine sozial-ökologische Transformation im Rahmen des kapitalistischen Produktionsmodells geknüpft sind (auch wenn die ILO sie mit strengen Kriterien verknüpft).

Erstens, nachhaltige Arbeit reduziert Entwicklung nicht auf wirtschaftliche oder technologische Aspekte. Sie knüpft an das Modell der menschenwürdigen Arbeit der ILO an. Zweitens, Arbeit soll von den Bedürfnissen und Potenzialen des Subjekts ausgehen und nicht nur soziale und wirtschaftliche Sicherheit, sondern auch Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung bieten. Eine menschenwürdige und entwicklungsfördernde Arbeit ist nur möglich, wenn die Reproduktion von Arbeit und Leben gewährleistet ist. Ziel der Arbeit muss die ökologische Nachhaltigkeit sein. Sie darf die (Re-)Produktivität der Natur nicht gefährden und muss sicherstellen, dass Ökosysteme den Belastungen standhalten, denen sie ausgesetzt sind. Drittens, Nachhaltige Arbeit basiert auf einem erweiterten Verständnis von Arbeit über bezahlte Arbeit hinaus: Das Konzept zielt auf die Überwindung der künstlichen Trennung von produktiver und reproduktiver, kommodifizierter und nicht-kommodifizierter und formeller und informeller Arbeit. Alle Aktivitäten sollten sich am Leitbild nachhaltigen Arbeitens orientieren.

Kurz gesagt, nachhaltige Arbeit ist ein holistischer Ansatz. Es geht um die Betrachtung von wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Fragen als zusammenhängendes Ganzes. Damit die sozial-ökologische Transformation eine Just Transition wird, müssen zudem verschiedene Ebenen berücksichtigt werden. Dazu gehören soziale Sicherheit für die direkt von Arbeitsplatzverlust Betroffenen genauso wie Klassen, das Nord-Süd-Verhältnis und Gender.

Klassenfrage und Nord-Süd-Gerechtigkeit

Entgegen des neoliberalen Credo, Verantwortung zu individualisieren (ganz gleich ob für Gesundheit, Altersvorsorge oder Klimaschutz) und diese losgelöst von den Lebensumständen zu betrachten, muss die Klassenfrage gestellt werden. Für eine Begrenzung der Erderwärmung auf weniger als 1,5 C sollten die jährlichen pro-Kopf-Emissionen ab sofort maximal 1,9 Tonnen CO2 betragen. Die ärmsten 50% der Weltbevölkerung verursachten 1990–2019 pro Kopf 1,4 Tonnen CO2 Emissionen, insgesamt 11,5% der globalen Treibhausgasemissionen, die oberen 10 Prozent waren für 48%, und das oberste 1% sogar für 16,9% der Emissionen verantwortlich. 77 Millionen Menschen, ein Hundertstel der Weltbevölkerung, sind für 50% mehr Treibhausgasemissionen verantwortlich als 3,8 Milliarden Menschen, die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, und ihre Emissionen wachsen schneller.

Das ist also auch eine Nord-Süd-Frage. Doch mittlerweile ist der Klassenunterschied bezüglich der Pro-Kopf-Emissionen in vielen Ländern größer als zwischen vielen Ländern des globalen Nordens und Südens (die historisch kumulative Emissionslast ausgenommen). Die obersten 10% in den Regionen Russland und Zentralasien, Nahost und Nordafrika und Ostasien sind für 10-30% mehr CO2-Emissionen verantwortlich als die obersten 10% in Europa. Diese sind wiederum für sechsmal mehr Treibhausgasemissionen verantwortlich als die unteren 50% in Europa. Daher ist und muss der Kampf gegen den Klimawandel auch ein Klassenkampf sein.

Hier ist die Frage der Nord-Süd-Gerechtigkeit zentral. Die Berechnung von Emissionen nach Ländern ist zum Vorteil des globalen Nordens. Die weiterhin wirkenden historisch kumulativen Emissionen bleiben unbeachtet, der Ursprung der Emissionen wird ignoriert (fossile Brennstoffe, wie im globalen Norden, oder Entwaldung und Veränderung der Flächennutzung, wie oft im globalen Süden), ebenso wie die Bevölkerungsgröße. So liegen die USA mit 20,3% der von 1850 bis 2021 historisch akkumulierten CO2-Emissionen weltweit auf Platz 1, gefolgt von China mit 11,4%. Relativ zur Gesamtbevölkerung gesehen ist China nicht einmal unter den ersten 20 Ländern.

Kolonial geformte Rollen

Daraus ergibt sich eine besondere Verantwortung des globalen Nordens gegenüber dem globalen Süden, der auch stärker von der Klimakatastrophe betroffen ist. Dieser Verantwortung kommt er aber nicht nach, weder durch die drastische Senkung der Emissionen oder dem Transfer wichtiger Umwelttechnologien, noch durch Reparationszahlungen. Selbst in die auf Klimagipfeln beschlossenen Klimafonds für den globalen Süden wurde kaum etwas eingezahlt. Der globale Norden will die globale Kontrolle und technologische Führungsposition im Transformationsprozess behalten. So wird der globale Süden, wie schon während des vorangegangenen Commodity-Booms, wieder in die kolonial geformte Rolle als Primärressourcenlieferant gedrängt.

Indes produzieren die „Nachhaltigkeitsinitiativen“ des globalen Nordens Vertreibung, Umweltzerstörung und Landraub im globalen Süden: durch Solar- und Windparks, Wasserstoffproduktion, Staudämme, Monokulturen für Biokraftstoffe und durch den neuen Bergbau-Run auf seltene Erden. Kohlebergbau wird durch Lithium-Abbau ersetzt der einen Wasserbedarf von 6.000 Liter pro Kg Lithium hat. Der Putsch gegen Evo Morales in Bolivien 2019 soll mit den reichen Lithiumvorkommen im Land verknüpft gewesen sein. Mit Vorwürfen konfrontiert twitterte Elon Musk: „Wir putschen gegen wen wir wollen“.

Soziale Neubewertung von Arbeit

Unmittelbar ist festzustellen, dass der Großteil „grüner Jobs“ Männern zukommt. Die sozial-ökologische Transformation verdrängt Frauen aus bezahlter Arbeit. Auch deshalb sind eine soziale Neubewertung von Arbeit und ein perspektivischer Ausstieg aus der Arbeitsgesellschaft unabdingbar. Dazu müssen wir auch die Trennung zwischen vermeintlicher „produktiver“ und „reproduktiver“ Arbeit angehen und tendenziell aufheben. Ein wichtiger Schritt wäre Arbeitskraft nicht länger als Ware zu betrachten, sondern als eine Frage des Commoning. Das bedeutet: Einerseits geht Arbeitskraft nicht mehr – wie im Kapitalismus – verloren, wenn sie nicht gekauft wird, sondern sie wird gemäß Bedarf und Fähigkeiten eingesetzt. Andererseits kann unbezahlte Arbeit nicht mehr so einfach unsichtbar gemacht und sozial und ökonomisch erzwungen werden.

Arbeitskraft als Gemeingut aufrechtzuerhalten, bringt auch die kollektive Kontrolle und Entscheidung über Arbeitskraft mit sich. Das ist mit dem Idealziel verbunden, die Produktionsmittel unter die kollektive demokratische Kontrolle von Arbeitenden und Communities zu stellen, also zu vergesellschaften. Wie dieser Prozess tendenziell aussehen kann, ist weltweit in hunderten rückeroberten Betrieben unter Arbeiter*innenkontrolle zu sehen. Hier gibt es keine Entlassungen und Fragen der Ökologie, Gesundheit und des Sozialen rücken für die Arbeiter und Arbeiterinnen in den Mittelpunkt, sobald es diesen möglich ist mit einem Veränderungshorizont über andere Themen zu diskutieren als nur über Lohnerhöhungen.

Sind die notwendigen Maßnahmen unter Beibehaltung der kapitalistischen Produktionsweise und des daraus resultierenden Gesellschaftsmodells möglich? Ich denke Nein. Die Kämpfe darum werden daher nicht einfach sein. Diskussionen, die Arbeit in den Mittelpunkt einer nachhaltigen Entwicklung rücken, finden in einigen Bündnissen von Gewerkschaften, Sozial- und Umweltbewegungen statt sowie in den Wissenschaften.

Arbeiter*innen und Communities (als kollektives Subjekt) sind potenziell die einzigen mit einem realen Interesse an einer Überwindung der Arbeitsgesellschaft und einer nachhaltigen und nicht umweltzerstörenden Produktion. Und es sind auch jene, welche die sozial-ökologische Transformation wesentlich tragen müssen. Wenn sie nicht die zentrale Rolle in der Definition und Praxis der Transformation übernehmen, wird es eine solche nicht geben. Gegen den Einwand dies sei alles unmöglich, ist anzuführen, dass Geschichte nicht linear ist und dass die Menschheit den Kapitalismus erschaffen hat und ihn folglich auch wieder abschaffen kann.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Textreihe „Allied Grounds“ der Berliner Gazette; die englische Version finden Sie hier. Weitere Inhalte finden Sie auf der englischsprachigen „Allied Grounds“-Website. Werfen Sie einen Blick darauf: https://berlinergazette.de/de/projects/allied-grounds/

Bild: Artwork: Colnate Group (cc by nc)