Interview mit Benjamín Anaya

Neozapatismus und Rockmusik

Benjamín Anaya, 40 Jahre, aus Mexiko-Stadt, ist Musiker. Er spielt als Gitarrist mit der Fusionrockgruppe Restos Humanos Fieles Difuntos und in der bekannteren Politrockband Salario Mínimo. Darüber hinaus ist er ein gefragter Studio- und Livemusiker. Beruflich ist Benjamín Anaya Vizedirektor der »Mexikanischen Tanzakademie«. Er hat zudem zahlreiche Artikel und Buchbeiträge veröffentlicht, das Buch Neozapatismo y Rock Méxicano und ist in der undogmatischen Linken Mexikos aktiv. Er arbeitet an einer vollständig überarbeiteten Neuauflage seines Buches, das 2004 unter dem Titel Soundtrack rebelde — la musica del Neozapatismo erscheinen wird. Von den Einnahmen aus dem Verkauf des Buches kauft Benjamín Anaya nach und nach Gitarren, die er in die zapatistischen Gemeinden bringt, wo er schon gespielt und Unterricht gegeben hat. Mit Benjamín Anaya sprach Dario Azzellini.

Welchen Einfluss hatte und hat der Zapatismus auf die mexikanische Rockmusik?

Einen sehr starken. Gestern, am 1.Dezember, haben wir hier in Mexiko »20-10« gefeiert, also 20 Jahre Gründung der EZLN und 10 Jahre bewaffneter Aufstand in Chiapas. Es gab ein Konzert mit 20 mexikanischen Bands, darunter die bekanntesten unabhängigen Bands wie Los de Abajo, Panteón Rococo, Salario Mínimo, Antidoping und viele weitere. Auch Maldita Vecinidad waren anwesend, haben aber nicht gespielt. Es waren 80000 bis 100000 Besucher da. Das, obwohl kein Unternehmen aus der Unterhaltungsindustrie seine Finger dazwischen hatte, es war von der EZLN und den Bands organisiert.

Die Musikszene in Mexiko ist vom Zapatismus durchdrungen worden. Nicht nur Stile wie Ska, Reggae, Punk, Garage, Hardcore usw., die üblicherweise die Musikstile mit größerer Kompatibilität zu Widerstandsbewegungen sind, sondern auch Jazz und Konzertmusik. Es wurden sogar drei klassische Werke, darunter ein Stück Kammermusik, zu dem Massaker der Paramilitärs in Acteal geschrieben. Doch der intensivste Ausdruck der Verbindung von Musik und Zapatismus war erstaunlicherweise eine 1994 vom nationalen Symphonieorchester aufgenommene CD, die Zapata auf dem Cover hatte und Instrumente wie die chiapanekische Marimba einbaute.

Auch international gab es einige musikalische Reaktionen...


Ja, auch Musiker aus vielen anderen Teilen der Welt haben zapatistische Gedankensplitter in ihre Musik eigebaut. Wir finden Ausschnitte aus Reden des Subcomandante Marcos als Samples oder textliche Rückbezüge zur EZLN auf CDs von Manu Chao und seiner vorherigen Band Mano Negra, Rage against the machine, Fermin Muguruza, Banda Bassotti, 99 Posse und anderen. In Lateinamerika wurde der Zapatismus von der brasilianischen Megaband Paralamas aufgegriffen, in Argentinien waren es Fito Páez, Charlie García u.a. Und es sind auch mindestens drei internationale Solisampler für die Zapatisten entstanden

Gab es denn über Texte und Samples hinaus andere Einflüsse des Zapatismus auf die Rockmusik in Mexiko?

Ja, und die sind sogar noch viel bedeutender. Bis zum Aufstand war der Rockmusikmarkt in Mexiko völlig in den Händen von transnationalen Konzernen, und unter Musikern herrschte die Überzeugung, man könne nur mittels der mexikanischen Labels der transnationalen Musikkonzerne — BMG Ariola, Warner, Sony, Universal — etwas erreichen. Außerdem haben nur BMG und Sony Presswerke in Mexiko, alles andere ist importiert. Das ist auch der Grund, warum es in Mexiko so viele Raubkopien gibt. Aber nach dem Auftauchen der Zapatistas sind nach der Logik der Autonomie auch die ersten Independent Labels in Mexiko aufgetaucht.

Davor stand noch, dass sich sehr viele Musiker verschiedener Richtungen: Folk, Punk, Funk, Garage, Reggae, Ska, Jazz usw. zusammen getan haben, um gemeinsam Solikonzerte zu organisieren. Das hat dazu geführt, dass es heute in Mexiko keine absolute Trennung mehr zwischen den Musikstilen und vor allem zwischen ihren Fans mehr gibt. Die Gruppen spielen zusammen, und du kannst auf einem Konzert eine Jazzband, eine Punkrockgruppe und Folkmusiker hintereinander und manchmal sogar zusammen spielen sehen. Auch dafür waren letztlich die Zapatistas verantwortlich.

Die Musiker haben auch begonnen sich zu organisieren...


Ja, das ist der zweite wichtige Punkt in Hinblick auf den Einfluss der Zapatistas. Vor allem zwei Kollektive, El serpiente sobre ruedas (Die Schlange auf Rädern) und La Bola (Der Haufen, so wurden auch die revolutionären »Horden« Zapatas genannt), sind hier bedeutend. Sie organisieren gemeinsame Aktionen und große Konzerte für einen guten Zweck, meistens zur Unterstützung der zapatistischen Gemeinden. La Bola hängen viel mit den Leuten von der Uni, der UAM, zusammen und das ist ein sehr produktiver Kreis, in dem nicht nur Musik gemacht wird, sondern auch Videos, freie Radios usw.

In der Folge sind sechs freie Radios in Mexiko-Stadt entstanden. Diese sind aber auch dem Druck der angeblich linken Stadtverwaltung in Mexiko-Stadt ausgesetzt. Sie werden nicht als Kultur oder Politik angesehen, sondern einfach nur als Affront gegenüber den kommerziellen Sendern, die Steuern zahlen. Einer dieser Sender, Radio Zapote, ist stark zapatistisch und befindet sich auch noch in den Räumen des Nationalen Instituts für Anthropologie, in dem die Zapatisten übernachtet hatten, als sie das letzte Mal in Mexiko-Stadt waren. Dort sind auch sehr viele Solikonzerte organisiert worden. Diese Radios waren eine Folge der zapatistischen Bewegung und haben umgekehrt viel dazu beigetragen, andere Nachrichten, alternative Informationen über die Zapatisten und Chiapas zu verbreiten.

Aber es läuft ja nicht mit allen Bands gut. Mit einigen gab es auch Probleme. Ich denke da an das sichtlich genervte Schreiben, das die Zapatistas an Maná richteten.

Ja, Maná hat immer wieder Kleinigkeiten für die Zapatisten getan. Aber die Mainstreammusiker haben meist keine Zeit, weiter an ihrer politischen Bildung, vor allem an einer radikalen politischen Bildung zu arbeiten. Sie sind dann mehr »Gutmenschen«. Maná ist immer ein wenig so drauf gewesen. Sie haben eine eigene Ökostiftung, die sich darum kümmert, dass mehr Schildkrötchen geboren werden… Das ist ja auch gut so. 1998 hat Maná in Mexiko-Stadt eine Reihe von sechs oder sieben Konzerten organisiert und die Einnahmen Acteal gespendet. Im Jahr 2001, zum Marsch der Zapatisten nach Mexiko-Stadt, haben sich Tele Atzteca und Televisa zusammengetan und das Konzert »Vereint für den Frieden« organisiert. Das sind die größten TV-Konzerne Mexikos, sie gehören zu den Größten weltweit, sind Speerspitzen des Kapitalismus und des Neoliberalismus und Verbündete der Mächtigen, erst der PRI und jetzt der PAN. Auf dem Konzert spielten Maná und Jaguares, also die beiden spanischsprachigen Bands Mexikos mit den größten internationalen Erfolgen. Das Konzert fand im Aztekenstadion statt, einem der größten der Welt, das 120000 Sitzplätze zählt; weitere 40000 Zuschauer fanden auf dem Spielfeld Platz.

Der Eindruck, den das Konzert vermittelte, war, dass Druck auf die Zapatisten ausgeübt werden sollte, damit sie ein Friedensabkommen unterschreiben. Jaguares haben auch noch zwei Schamanen von den Lakandonen auf die Bühne gestellt. Ausgerechnet Lakandonen, die schon immer auf der Seite der ehemaligen Regierungspartei PRI gewesen sind. Sie wurden vom Publikum beworfen und von der Bühne gepfiffen; es verstand gar nicht, warum die da waren. Interessant ist auch, dass Maná versucht hatte, Santana davon zu überzeugen dort zu spielen. Santana lehnte mit den Worten ab: »Ich werde niemals für die Unterdrücker meiner Leute spielen.«

Danach hat Maná eine Scheibe aufgenommen, La revolución del amor (Die Revolution der Liebe), die mit dem Bild Zapatas arbeitet und auf der Samples von Marcos-Reden zu hören sind. Auf der Tour hatte die Band ein riesiges Zapata- Transparent dabei. Da hat sie sich in opportunistischer Weise etwas angeeignet und ausgenutzt, für dessen Entwicklung sie nie wirklich aktiv gearbeitet hat. Sie hat zwar hin und wieder einen kleinen Beitrag geleistet, aber nie z.B. auf irgend einem Solikonzert mit anderen Bands gespielt. Schließlich hat Maná sich dann vor ihrer Spanien-Tour — das war, als Marcos gerade wegen seiner Erklärungen zur Situation im Baskenland als ETA-nah angegriffen wurde — auf einer Pressekonferenz ziemlich von den Zapatistas distanziert… Daraufhin hat Marcos geschrieben, es sei ihm völlig egal, was Maná macht und sagt. Und es war gut, dass Marcos die Dinge wieder auf ihren politischen Kern zurückgeführt hat.


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