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Tödliche Barriere
Südgrenze der USA ähnelt einer Free Fire Zone
analyse & kritik Nr. 412, 12.03.1998

Nach dem Inkrafttreten des NAFTA-Abkommens über eine Freihandelszone zwischen Kanada, den USA und Mexiko dürfen sich Waren und Kapital zwischen den Länder weitgehend frei bewegen. Für die Menschen gelten andere Gesetze. In Tijuana, der größten mexikanischen Grenzstadt zu den USA, warten Tausende MexikanerInnen in Elendsvierteln auf eine Gelegenheit, der Armut zu entfliehen und die Grenze zu den USA zu überqueren. Doch für sie ist die Grenze eine oft tödliche Barriere. Sonderprogramme der Grenzpolizei wie Gatekeeper, Guardian oder die Verstärkung der Grenzanlagen um eine dreifache Mauer sollen den Strom der Flüchtlinge aufhalten, den die schwerste Wirtschaftskrise in Mexiko seit 60 Jahren in Gang gesetzt hat.

In San Diego, der Grenzstadt auf der US-Seite, interviewten Dario Azzellini und Boris Kanzleiter im September 1997 Roberto Martínez. Er ist Direktor des American Friends Service Committee, einer Organisation, die Menschenrechtsverletzungen an den MigrantInnen dokumentiert und ihnen Hilfe leistet.

Die Behörden der USA richten an der Grenze zwischen den USA und Mexiko Befestigungsanlagen auf, die uns an die Berliner Mauer erinnern. Welche Auswirkung hat die Politik der US-Regierung, sich gegen die Hunderttausende von Armutsflüchtlingen aus dem Süden abzuschotten?

Wir haben gemeinsam mit der Universität Houston eine Studie verfaßt, aus der hervorgeht, daß von 1993-1996 1.185 Leute an der Grenze umgekommen sind. Das schlimmste Gebiet war die Region San Diego mit 193 Toten in diesem Zeitraum. 1997 sind allein bis September 60 Personen hier gestorben. Es ist eine sehr gefährliche Grenze.

Spezialoperationen wie etwa Gatekeeper drängen die Leute vom Grenzgebiet zwischen Tijuana und San Diego weiter nach Osten, nicht nur in die Wüste, sondern auch in die Berge, in eine Region, die an einigen Punkten bis beinahe 2.000 m ansteigt. Viele MigrantInnen sterben beim Versuch, die Grenze zu überqueren aufgrund der extremen Temperaturen. In der Wüste steigt die Temperatur im Sommer bis auf 49 Grad Celsius, sogar in den Bergen steigt sie noch auf 44 Grad. Im Winter aber sinkt sie dort unter den Gefrierpunkt, es schneit ab 700 m Höhe. Die MigrantInnen, die aus Mexiko und Zentralamerika kommen, wissen nicht, daß nicht das gesamte Grenzgebiet Flachland ist. Sie denken, daß alles wie in Texas und Arizona aussieht. Im Dezember, Januar und Februar, wenn es schneit, haben sie keine Chance, weil sie normal angezogen kommen. Und im Sommer nehmen sie oft kein Wasser mit, sie wandern manchmal tagelang ohne Wasser. Wir haben zum Teil Gruppen von fünf oder zehn Personen gefunden, alle tot.

Doch die Kontrollen sollen weiter verschärft werden. Es gibt momentan eine Gesetzesvorlage im Kongreß, die vorsieht, 10.000 Soldaten an die Grenze zu verlegen. Sie stammt aus Ohio. Das kann verheerend für die Grenzregionen werden. Gemeinden wie die unsere würden komplett vom Militär besetzt werden. Bereits jetzt patrouillieren in San Isidro Helikopter, die Nationalgarde und die Grenzpolizei. Es ist bereits beschlossen worden, daß in den nächsten drei Jahren jedes Jahr 35 neue Helikopter an der Grenze entlang bis nach Miami eingesetzt werden. In Miami leben ja auch viele MittelamerikanerInnen und MexikanerInnen.

Wir haben an der Grenze zwischen Tijuana und San Diego bereits jetzt Soldaten gesehen ...

Das waren Nationalgardisten, sie unterstehen nationalen Autoritäten und sind Zivilisten, die eine bestimmte Zeit in der Armee dienen. Die Nationalgarde wird durch die US-Army ausgebildet und trägt ihre Uniformen, ist aber eine Art zivile Miliz mit nationalen Befugnissen. Es handelt sich um eine sehr komplizierte und komplexe Rechtslage. Ihre Hauptfunktion ist eigentlich, die Zollbehörden bei der Drogenfahndung an der Grenze zu unterstützen, aber sie fahren auch mit Autos der Grenzpatrouille herum, nehmen MigrantInnen fest und übergeben sie der Grenzpatrouille.

Während der letzten Wahlkampagne propagierten Demokraten und Republikaner in Kalifornien eine härtere Politik gegen die ImmigrantInnen. Wie hat sich die Stimmung in der weißen Bevölkerung verändert?

Es ist unter Politikern sehr populär, MigrantInnen als Sündenböcke zu benutzen, und das reicht hundert Jahre weit zurück. Viele Politiker fahren an die Grenze, deuten nach Mexiko und sagen, daß es angeblich eine Invasion aus Mexiko gebe, daß die MexikanerInnen den Steuerzahler Millionen Dollar kosten würden, daß sie für die Kriminalität verantwortlich seien und so weiter. Der kalifornische Gouverneur Pete Wilson kandidierte auf dieser Plattform für die Präsidentschaft, scheiterte damit allerdings. Aber viele Politiker agieren ähnlich. Sie versuchen, politische Karriere zu machen, indem sie Gesetze verabschieden, die beispielsweise 5.000 zusätzliche Grenzpolizisten und einen dreifachen Grenzzaun vorsehen.

Menschenrechtsorganisationen in Mexiko weisen auf das brutale Verhalten der US-Grenzpolizei hin. Nehmen die Menschenrechtsverletzungen durch US-Behörden mit der Verschärfung der Gesetzeslage und dem weiteren Aufbau der Grenzbefestigungen zu?

In den 80er Jahren gab es eine Spezialeinheit, die sich jeweils zur Hälfte aus regulärer Polizei und Grenzpatrouille zusammensetzte. Eigentlich bestand ihre Aufgabe darin, die MigrantInnen vor Verbrechen zu schützen, denn sie werden oft überfallen und ausgeraubt, auch durch ihre eigenen Leute. Aber diese Einheit verletzte und erschoß mehr MigrantInnen als Banditen, so daß sie schließlich 1989 aufgelöst wurde. Sie schossen praktisch täglich auf MigrantInnen, töteten von 1984 bis 1989 mindestens 40 Personen und verletzten mindestens dreimal so viele, darunter ein Dutzend Kinder zwischen 12 und 16 Jahren. Die letzten Erschießungen erfolgten 1993, als drei MigrantInnen von der Grenzpatrouille umgebracht wurden. Seitdem hat es zwar keine Erschießungen mehr gegeben, aber Mißhandlungen und Vergewaltigungen stehen auf der Tagesordnung, etwa ein Dutzend Personen sind täglich davon betroffen.

Die Menschenrechtsverletzungen, die wir zur Zeit erfahren, gehören zu den schlimmsten. Wir stellen immer mehr Vergewaltigungen von Frauen durch die Grenzpolizei und den INS (Immigration and Naturalization Service) fest. Kürzlich wurden drei Grenzpolizisten und INS-Agenten zu Strafen zwischen 25 Jahren und lebenslänglich wegen Vergewaltigung und einer wegen Entführung und Vergewaltigung von Migrantinnen verurteilt. Wir erleben zunehmend Verstöße gegen den vierten Verfassungsartikel, also illegale Durchsuchungen. Sie schlagen Türen ein, durchsuchen Wohnungen ohne Durchsuchungsbefehl, verhaften und schlagen Leute überall im Landkreis, aber auch in anderen Teilen des Landes. Wir sehen immer öfter körperlichen und psychologischen Mißbrauch, wie Folter in den Verhaftungszentren. Dort müssen die Männer nackt in den Zellen stehen, während der Nacht werden die Klimaanlagen so kalt wie möglich gestellt, und tagsüber, während der Hitze des Tages, machen sie alles aus. Das sind alles Formen psychischer Folter.

Viele illegalen MigrantInnen schaffen es trotz der Abschottungspolitik zumindest vorübergehend, Arbeit in den USA zu finden. In welchen Sektoren arbeiten sie, und wie sind ihre Arbeitsbedingungen?

Zunächst ist anzumerken, daß die beiden Hauptfaktoren, die die Leute Richtung Norden in die USA ziehen, Arbeit und Familienzusammenführung sind. Viele von ihnen haben Jobs, die auf sie warten: in der Landwirtschaft, im Hotel- und Gaststättengewerbe. Viele arbeiten in der Produktion, sie gehen nach Los Angeles. Viele gehen Richtung Osten, nach Florida und New York, aber wir bekommen auch Anrufe aus dem mittleren Westen, aus Nebraska, Ohio und Wyoming, wo die MigrantInnen in Fleisch- und Wurstfabriken arbeiten. Das ist dort ein großer Industriezweig. Die meisten wollen wegen der starken Präsenz der Migrationspolizei und anderer Polizeieinheiten nicht im Grenzgebiet bleiben. Sie ziehen es vor, weiter nach Norden, nach Los Angeles, San Francisco, Central Valley zu gehen. Viele arbeiten in Oregon und Washington in der Apfelindustrie. In der Region von San Diego arbeiten die meisten im Hotel- und Gaststättengewerbe sowie in der Kleinindustrie. Dort verdienen sie mehr, und die Jobs sind längerfristig. Gleichzeitig sind sie aber auch größeren Gefahren, z.B. Razzien durch die Migrationspolizei, ausgesetzt. In der Landwirtschaft sind hier in der Region San Diego weniger als 10% der MigrantInnen tätig, viele davon Indígenas aus Guatemala. Sie bilden die größte Gruppe in der Landwirtschaft, der Rest sind Indigenas aus den armen südlichen Staaten Mexikos, wie Chiapas und Oaxaca. Die meisten sind SaisonarbeiterInnen, die kommen und gehen, viele haben Greencards und können ein- und ausreisen. Sie leben meist in den Armenstadtteilen von Tijuana, gleich über der Grenze auf der mexikanischen Seite und fahren jeden Tag rüber, da es für sie zu teuer ist, dort zu leben, wo sie arbeiten. Oft bekommen sie auch nicht genug Arbeit, um sich eine Wohnung leisten zu können. Manchmal tun sich mehrere zusammen, um eine Wohnung zu mieten. Die meisten wohnen in MigrantInnen-Camps, in ärmlichen Verschlägen mit vier Pappwänden oder in Höhlen, wo immer sie Platz finden. Manche leben auch einfach wie Obdachlose im Freien.

Wie wirkt sich der Rassismus gegen die MexikanerInnen auf das Alltagsleben in Kalifornien aus?

Er spaltet die Gesellschaft, er hetzt Nachbarn verschiedener Hautfarben gegeneinander auf. Diese Operationen, wie Gatekeeper hier in San Diego oder Blewing up in Süd-Texas, zwingen die Leute, 60 Meilen östlich von San Diego die Grenze zu überqueren und in Privatland einzudringen. Die AnwohnerInnen bewaffnen sich und schießen auf die MigrantInnen. Es hat viele Fälle gegeben, in denen MigrantInnen angeschossen oder zusammengeschlagen wurden. Es hat viele sogenannte Haß-Verbrechen gegeben. Die Geschichte solcher Übergriffe reicht bis in die 70er Jahre zurück. MigrantInnen, die als WanderarbeiterInnen tätig sind, wurden oft erschossen. Sie sind ein leichtes Ziel, sie leben unter freiem Himmel, bewegen sich viel draußen. Hier weiter im Norden, in Fallbrokes, hat der White Arian Resistance - WAR (Weißer Arischer Widerstand), ehemals Ku-Klux-Klan, seinen Sitz. Dieser ist für viele Erschießungen von MigrantInnen verantwortlich, ich habe auch schon einige Morddrohungen von ihnen bekommen. Ebenso vom Ku-Klux-Klan und den Milizen. In San Diego gibt es jetzt auch eine Miliz, die mir kürzlich zwei Morddrohungen zugeschickt hat, da ich die Regierung und Grenztruppen usw. kritisiert habe.

In Orange-County existiert eine Gruppe namens American Spring (Amerikanischer Frühling), in der Nazis, Nazi-Skins und Klan-Leute organisiert sind. Sie kamen bewaffnet und mit Baseballkeulen hier zur Grenze gefahren und griffen die MigrantInnen an, die die Grenze überquerten. Wir haben allerlei Gegendemonstrationen organisiert und viele Auseinandersetzungen mit ihnen gehabt, bis sich die Polizei und Grenztruppen entschieden haben, gegen sie vorzugehen, so daß sie nun nicht mehr kommen.

In Ihrer persönlichen Lebensgeschichte spiegelt sich die Geschichte der Diskriminierung wider ...

Ich bin in der fünften Generation US-Bürger. Meine Familie kommt aus Texas, sie waren schon dort, bevor eine Grenze gezogen wurde. Die Grenze wurde 1848 nach dem Krieg mit Mexiko markiert nachdem der Vertrag von Guadelupe Hidalgo zwischen den USA und Mexiko abgeschlossen wurde, in dem Mexiko über die Hälfte seines Territoriums an die USA abgab. Das heißt, den ganzen Südwesten: Texas, Arizona, Kalifornien, Nevada, Idaho und Teile Oregons. Alle MexikanerInnen, die sich auf dieser Seite der Grenze befanden, als der Vertrag abgeschlossen wurde, wurden automatisch US-BürgerInnen. Der Vertrag garantierte ihnen Landrechte, kulturelle Rechte und das Recht auf ihre Sprache. Aber kaum war der Vertrag unterzeichnet, kamen US-Siedler, die den MexikanerInnen das Land raubten. In diesem Prozeß wurden MexikanerInnen nach Mexiko vertrieben, erschossen, getötet, gelyncht, erhängt und die Frauen vergewaltigt. Es gab damals Massaker an Mexikanern, die denen an den Indianern während der Indianerkriege ähnelten.

Leute wie ich, die sich als Chicanos verstehen und nicht als Mexikaner oder US-Bürger, akzeptierten nicht, wie wir behandelt wurden. Obwohl ich ein US-Staatsbürger bin, wurden mir die Bürgerrechte verweigert. Es war üblich, daß ich geschlagen und ins Gefängnis eingesperrt wurde, nur aufgrund meines Aussehens. Was wir heute in bezug auf Menschen- und Bürgerrechtsverletzungen sehen, ist für Leute wie mich nach 150 Jahren institutionalisiertem Rassismus und institutionalisierter Gewalt überhaupt nichts Neues. Kalifornien hat eine der schlimmsten Geschichten. In den 30er Jahren wurde begonnen, alle MexikanerInnen zu jagen und zu deportieren, die man finden konnte. Wie heute schob man die Schuld für die Arbeitslosigkeit, die Kriminalität und alle möglichen sozialen sowie wirtschaftlichen Probleme irgendeinem Sündenbock in die Schuhe, den sie finden konnten.

Alle zehn Jahre wiederholten sich diese Wellen. In den 40ern und 50ern, als ich jung war, und von der Schule nach Hause, zu meiner Freundin oder in die Innenstadt lief, nahmen sie mich fest und wollten mich deportieren. Sie haben mich sogar auf der Arbeit festgenommen. Aber da ich gut Englisch sprach, konnte ich mich zur Wehr setzen. Damals existierte keine Bürgerrechtsorganisation wie heute, ich konnte zu niemand gehen und niemand anrufen. Die Polizei inhaftierte mich einmal pro Woche, verprügelte mich, brachte mich ins Gefängnis und ließ mich dort für ein oder zwei Tage. Dies ging so lang, bis ich fast 20 Jahre alt war, heiratete und wegzog in ein anderes Stadtviertel von San Diego. Aber dort erwarteten mich schon Ku-Klux-Klan-ähnliche Leute, die in mein Haus einbrachen, die Wände mit Hakenkreuzen beschmierten und mich aufforderten, die Stadt zu verlassen. Aber ich kämpfte und blieb mit meiner Familie dort, und bald kamen andere MexikanerInnen und organisierten sich. Es war immer ein Kampf für Leute wie uns.

Nur aufgrund unseres Aussehens, unserer Sprache und Kultur wurden uns gleiche Rechte verwehrt. Und wir kämpfen noch immer dieselbe Schlacht. Und weil wir noch immer die zahlenmäßig größte Gruppe sind - es leben über 25 Mio. Latinos in den Vereinigten Staaten, über zehn Mio. davon in Kalifornien - werden wir zu Sündenböcken gemacht.

 

 

 

 


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