Vorwärts, Chávez: »Venezuela Bolivariana«, das neue Buch von Dario Azzellini, Junge Welt, 25.07.2006

Junge Welt, 25.07.2006

Ist Hugo Chávez ein Populist oder ein Revolutionär?« fragt der ISP-Verlag auf dem Klappentext des kürzlich erschienenen Buches von Dario Azzellini. »Tiefgreifende Veränderung oder bloß erdölfinanzierte Sozialprogramme?« Der Autor beantwortet die Fragen nicht explizit, liefert auf 300 Seiten aber jede Menge Material, das es dem Leser ermöglicht, eine Antwort zu finden. Faktenreichtum, Primärquellen – das ist die Stärke des Buches.


Azzellini hat in den vergangenen Jahren in Venezuela Hunderte Interviews mit Aktivisten sozialer Bewegungen, Gewerkschaftern, Militärs geführt. Er macht deutlich, daß der bolivarische »Prozeß« eine tiefgreifende Verschiebung in den Beziehungen der sozialen Klassen ist. Das 1958 etablierte Gleichgewicht zwischen einer vom Ölreichtum des Landes profitierenden, halbbürokratischen »Lumpenbourgeoisie« und einer klientelistisch beherrschten Massenbewegungen, gelben Gewerkschaften usw. geriet in den 80ern mit dem Verfall der Ölpreise in seine finale Krise, die ihren Höhepunkt 1989 mit dem spontanen »Caracazo«-Aufstand erreichte. In den späten 80ern verdichteten sich die sozialen Spannungen allmählich zu einem politischen Projekt. 16 Jahre vergingen von der Gründung der »Revolutionären Bolivarischen Bewegung« (MBR) durch eine Gruppe linksgerichteter Offiziere im Jahre 1982 bis zur Wahl von Hugo Chávez zum Präsidenten im Dezember 1998. Dazwischen lagen zwei erfolglose bolivarische Putschversuche (1992), darauf folgende strategische Korrekturen und der Schwenk vom Putschismus hin zum Aufbau einer Massenorganisation.

Was sich in den nächsten sieben Jahren ereignete, ist wohl am ehesten mit der radikalen Phase der mexikanischen Revolution unter General Lázaro Cárdenas (1934–40) vergleichbar: Gestützt auf eine breite Mobilisierung der Unterklassen wurde die Republik neu definiert: Festschreibu