Innenansichten einer Revolution, Trend Onlinezeitung, Oktober 2006

Trend Onlinezeitung, Oktober 2006

Der venezolanische Präsident Hugo Chavez sorgte in der letzten Zeit für eine Menge Schlagzeilen. Seine Weltreise zu verschiedenen Staatschefs, die zu den Parias der neuen Weltordnung gehören, wie den weißrussischen Präsidenten und das iranische Regime, wurde von den hiesigen Medien mit Aufmerksamkeit verfolgt. Doch wenn es um die innenpolitischen Verhältnisse in Venezuela geht, bleiben die meisten Berichte bei ständig wiederholten Floskeln vom "linksnationalistischen oder populistischen Chavez-Regime" stehen.


Deshalb hat der Berliner Politologe und Publizist Dario Azzellini mit seinem aktuellen Buch "Venezuela Bolivariana, Revolution des 21. Jahrhunderts?" eine Lücke geschlossen. Das Buch gibt eine profunde Innenansicht der bolivarischen Revolution. Azzellini hat in den letzten Jahren mit zwei Filmen über Venezuela den Blick auf die soziale Bewegung des Landes gelenkt. Im Buch setzt er diese Sichtweise konsequent fort. Während in den hiesigen Medien Chavez zum Popanz aufgebaut wird, der dann demaskiert werden soll, interessiert sich Azzellini für die Protagonisten der unterschiedlichen Basisbewegungen. Arbeiter, die ihre Fabrik besetzen und die Produktion in die eigenen Hände nehmen, Mitglieder einer Landarbeiterkooperative, die die jahrelang brachliegenden Latifundien von Großgrundbesitzern besetzen und nutzen, Koordinatoren von Indigenaorganisationen. Das ist nur eine kleine Auswahl der von Azzellini vorgestellten sozialen Bewegungen des lateinamerikanischen Landes.

Ausführlich widmet er sich der Medienlandschaft Venezuelas. Sie wird überwiegend von großen Anbietern bestimmt, die aus ihrer Nähe zur rechten Opposition kein Hehl machen. Doch in den letzten Jahren ist ein Netz von Basismedien entstanden. So ist die Anzahl der Freien Radios von 2002 bis 2005 von 13 auf über 200 gewachsen. Sie sind zwar alle solidarisch mit dem bolivarischem Prozess, ohne kritiklos der Regierungspolitik zu folgen. So könnte man auch die Position des Autors beschreiben.

So stellt er schon in der Einleitung klar: "Wenig hilfreich für ein Verständnis der Ereignisse sind diejenigen Autorinnen und Autoren, die stur offizielle Regierungserklärungen wiederholen und selbst die in Venezuela innerhalb der Regierung geäußerte Kritik unter den Tisch fallen lassen."

Azzellini gehört nicht dazu. So schildert er ausführlich, wie es wegen der Demontage einer Kolumbus-Statue zum Konflikt zwischen den sozialen Bewegungen und Teilen der Regierung kam. Auch Umweltgruppen stehen wegen des Kohleabbaus teilweise im Clinch mit Teilen des Regierungsapparates. Azzellini erwähnt auch, dass Teile des Staatsapparates weiterhin an alten Politikmodellen festhalten. Trotzdem ist sein Ausblick alles Andere als pessimistisch. "Große Teile der Basis und jener institutionellen Mitarbeitern, die auf eine radikale Transformation setzen, sind jedoch optimistisch. Sie verweisen auf die großen Bewusstseinssprünge sowie Lernprozesse der Basis und gehen davon aus, dass sich die revolutionären Kräfte durchsetzen werden."

Allerdings macht Azzellini auch deutlich, dass die Gefahren für den revolutionären Prozess groß sind. Ausführlich berichtet er über die Exilcubaner, die sich schon seit längerem aktiv am Kampf gegen Chavez und die Revolution beteiligen. Auch deutsche Geheimdienste sind in diese Counterarbeit involviert. Es gibt also genügend zu tun.

Negri in Caracas
Interessant ist das letzte Kapitel des Buches. Dort zieht Azzellini einen Link zwischen der boliverarischen Revolution und Antoni Negri. Der Zusammenhang ist nicht zu weit hergeholt. Mir kam in Wien bei einer Chavez-Rede selber der Gedanke, ihn mit Negris Theorien in Verbindung zu bringen. Als er dort immer wieder Namen von Initiativen und AktivistInnen auf der Bühne nannte, wurde mir klar, dass der venezolanische Präsident tatsächlich einen neuen Politikstil pflegt. Er verkündet keine Thesen oder Wahrheiten, er benennt. Er gibt den bisher stimmlosen Namen, er benennt sie, macht sie sichtbar und zum Subjekt. So sorgte er mit seiner Politik auch dafür, dass der Großteil der Menschen in Venezuela, die bisher vergessen wurden, Subjekt wurden.

Solidarische Kritik
Wie man auch solidarische Kritik üben kann, zeigt die kleine Wiener Arbeitsgruppe Marxismus (agm) mit ihrer kleinen Broschüre "Für eine sozialistische Revolution in Venezuela". Der triumphalistische Titel wird dem Inhalt der Broschüre größtenteils nicht gerecht. Sie liefert einen guten historischen Überblick über die Linke in Venezuela und den Aufstieg des Chavismus. Sie zeigen auch auf, dass es im aktuellen Prozess in Venezuela starke klassenkämpferische Strömungen gibt, die auch Ansatzpunkte für eine linke Unterstützung sein können. Wenn stellenweise auch arg schematisch argumentiert wird, ist