The future is unwritten, ak - zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 513, 19.1.2007

ak - zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 513, 19.1.2007

Reportagen, Interviews und Hintergrundtexte fügen sich in Dario Azzellinis Buch "Venezuela Bolivariana - Revolution des 21. Jahrhunderts?" zu einem facettenreichen Bild. Fakten werden geliefert, Interpretationsansätze geboten, aufgeworfene Fragen jedoch nicht explizit vom Autor beantwortet. Unter ständiger Betonung der "Prozesshaftigkeit" des venezolanischen Wandels versorgt Dario Azzellini die LeserInnen mit Informationen, mit Material - Schlüsse zu ziehen bleibt allerdings ihnen selbst überlassen. Azzellini, der seit Jahren zwischen Lateinamerika und Deutschland pendelt und derzeit zum Thema "Partizipative und protagonistische Demokratie in Venezuela" promoviert, verarbeitet und kombiniert sein Wissen aus Theorie und Forschung mit seinen praktischen Erfahrungen.

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel: Das erste Kapitel "Gesellschaft, Politik und Wirtschaft in Venezuela" versorgt die LeserInnen mit dem nötigen Vorwissen, um die Entwicklungen des Landes seit 1958 nachvollziehen zu können und die Zwangsläufigkeit des "bolivarianischen Prozesses" zu erkennen, der die Verschiebung der Verhältnisse der sozialen Klassen untereinander bewirkt. Durch den Verfall der Ölpreise in den 1980er Jahren gerät Venezuela, das bis dato als Vorzeigedemokratie Lateinamerikas galt, in eine Krise, die 1989 im "Caracazo"-Aufstand gipfelt. Die sozialen Spannungen wachsen. Es entsteht "ein Bewusstsein in der Bevölkerung über die eigene transformatorische Kraft", wie es im Buch heißt. Fehlgeschlagene Putschversuche führen in den Folgejahren nicht etwa zur Aufgabe der Ideen, sondern zu einer Korrektur der Strategie: die Organisation der Massen. 16 Jahre nach Gründung der Revolutionären Bolivarischen Bewegung (MBR) wird Hugo Chávez 1998 zum Präsidenten gewählt. Eines der zentralen Versprechen seiner Wahlkampagne ist die Ausarbeitung einer neuen Verfassung, die 1999 verabschiedet wird. Der Entstehungsprozess wird dominiert von der Beteiligung sozialer und Nichtregierungsorganisationen, die über Runde Tische und ähnliches direkt an der verfassungsgebenden Versammlung teilnehmen. Ein neuer Politikstil ist eingeleitet, der auf der Einbeziehung der Basisbewegungen beruht. "Um das Problem der Armut zu lösen, muss den Armen mehr Macht gegeben werden", lautet die These Chávez'.

Venezuela zwischen Aufbruchsstimmung ...
Eben diesen Bewegungen widmet sich Azzellini im zweiten und umfangreichsten Kapitel "Gesellschaftliche Reformen und Basisbewegungen von unten". In der westlichen Medienlandschaft ist es Chávez, der stets im Vordergrund steht. Azzellini hingegen beschäftigt sich ausführlich mit den ProtagonistInnen der Basis: Indigenen-Organisationen, ArbeiterInnen, die Fabriken bestreiken und übernehmen, LandarbeiterInnenkooperativen, um nur einige zu nennen. Die "Mobilisierung der Unterklassen" geht einher mit dem Aufschwung und der Radikalisierung der Gewerkschaften, mit Agrarreformen, mit der Nutzbarmachung der Erdölressourcen für die soziale Entwicklung, mit der verfassungsmäßigen Verankerung sozialer und politischer Rechte. Doch wie weit gehen die sozioökonomischen Veränderungen wirklich? "Derweil herrschen in Venezuela weiterhin kapitalistische Verhältnisse, und der Diskurs ist - notwendigerweise - weiter als die Realität", schreibt Azzellini. Die traditionellen Eliten sind in die Opposition gedrängt, behaupten jedoch ihr