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Dario Azzelini
Schaffen wir viele Genuas!

22.01.2003, intro.de

In seinem neuen Buch "Genua - Italien. Geschichte, Perspektiven" geht der Berliner Autor und Journalist Dario Azzelini der Frage nach, wie die bürgerkriegsähnlichen Zustände während des G8-Gipfels in Genua im Sommer 2001 mit der aktuellen politischen Situation in Italien in Zusammenhang zu bringen sind. Azzelini beschreibt auf 220 Seiten die Entwicklung der wichtigen politischen Kräfte seit 1945 und porträtiert den Aufstieg einflussreicher Organisationen, wie z.B. der Forza Italia, jener Partei, mit der Berlusconi der Sprung an die Macht gelang. Nach der Lektüre dieses Buches klärt sich der Blick auf die - oft als unübersichtlich und konfus empfundene - politisch-gesellschaftliche Landschaft Italiens. Darüber hinaus werden die Chancen einer sich weltweit entwickelnden Antiglobalisierungsbewegung skizziert, die als eine Art moderne außerparlamentarische Opposition mit neuen Mitteln und Methoden die Machtfrage stellt. Der streng parteiische Blick des Autors, der sich auf die Seite der Entrechteten und Besitzlosen stellt, erleichtert die Orientierung und kommt auch dem Lesevergnügen entgegen. Kein krampfhaftes Bemühen um sogenannte Objektivität, dafür ein Detailwissen und verblüffende Kenntnis der Vorgänge hinter den Kulissen.

Du nimmst die Ereignisse in Genua zum Anlass für eine politische, ökonomische und soziale Betrachtung der italienischen Geschichte nach 1945. Was rechtfertigt den Protest gegen den G8-Gipfel als Ausgangspunkt für einen solchen Rückblick?

Die riesige Demonstration gegen den G8-Gipfel, die über 300.000 Menschen auf die Straße brachte, hat auch viele aus Deutschland Angereiste erstaunt. Aber auch die, die zu Hause geblieben sind, horchten plötzlich auf und zeigten Interesse. Manche waren begeistert von der Größe und der Stimmung der Demonstration, andere waren schockiert über die Brutalität der Polizei und der Carabinieri. Gemeinsam war ihnen, dass sie nicht über genügend Informationen verfügten, um die Ereignisse einordnen zu können. Ich will mit dem Buch Interessierten ein Instrument in die Hand geben, um Genua und die italienischen sozialen und politischen Bewegungen verstehen zu können. Das geht meiner Meinung nach nur in einem historischen Rahmen.

War das brutale Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten in Genua ein "Ausrutscher", oder hat es mit einem grundsätzlichen Klima im Apparat zu tun?

Es war sicher kein "Ausrutscher". Das extrem rechte und reaktionäre Klima im Polizeiapparat traf mit dem Wissen zusammen, eine Regierung zu haben, die jedes Vorgehen deckt. Ebenso schlimm scheint mir aber, dass die italienische Regierung von allen anderen Regierungen in Europa in ihrem Vorgehen gestützt wurde. Otto Schily war der erste europäische Politiker, der kurz nach Genua nach Italien reiste und sich mit dem verantwortlichen Innenminister traf und ihm die Hand schüttelt. Und Schröder gehörte während des G8 zu den größten Scharfmachern.

Siehst Du Parallelen in der Entwicklung, wie Du sie für Italien beschrieben hast und den Ereignissen in der deutschen Politik, wo z.B. ein Möllemann antisemitische Stimmung machte, und jetzt ein Koch die öffentlichen Nennung reicher Unternehmer mit der Kennzeichnung von Juden in Nazideutschland durch den gelben Stern in Beziehung setzt?

Nein, das sind zwei grundsätzlich unterschiedliche Sachen. In Italien ist solch eine antisemitische Stimmung nicht vorhanden. Die italienische Rechte an der Regierung setzt ganz stark auf eine Normalisierung der Beziehungen zur israelischen Rechten: Fini war zu Besuch in Israel, Sharon bezeichnet Berlusconi als seinen "besten Freund in Europa" und die italienische jüdische Gemeinde hat Alleanza Nazionale als "wählbare Partei" erklärt. Der Antisemitismus war auch in der faschistischen MSI kein prägendes Element, er blieb meist auf faschistische Splittergruppen beschränkt. Prägend ist hingegen ein starker Rassismus und vor allem eine anti-muslimische Haltung.

Lassen sich die Erfahrungen von Genua für die Perspektiven der Antiglobalisierungsbewegung verallgemeinern ?

Die Erfahrungen lassen sich verallgemeinern, insofern sie gezeigt haben, dass eine Bewegung, die groß genug ist, um bestimmte Politiken ernsthaft in Frage zu stellen, mit brutaler Repression rechnen muss. Es wurde ja auch schon einige Monate vorher in Göteborg scharf auf Demonstranten geschossen. Damals dachten alle, das sei ein "Ausrutscher". Genua bewies das Gegenteil. Für wichtig halte ich auch die Tatsache, dass die italienische Bewegung es nach Genua geschafft hat, sich nicht in die vom Staat provozierte Gewaltspirale hineinziehen zu lassen, sondern es gelungen ist, die Bewegung noch mehr zu verbreitern, ohne sich spalten zu lassen. Zuletzt demonstrierten im November 2002 zum Abschluss des Europäischen Sozialforums in Florenz etwa eine Million Menschen gegen Neoliberalismus und Krieg.

Gibt es in Italien eine Neue Rechte, die gezielt kulturelle Räume besetzt bzw. subkulturelle Strömungen unterwandert?

Das gibt es vor allem in den Stadien, also unter Fußballfans, wo sich im Umfeld vieler Vereine eine klare rechtsextreme, rassistische und teilweise antisemitische Subkultur festgesetzt hat. Aber auch dort gibt es linke Strömungen. Ansonsten existiert eine kleine Naziskinsubkultur. Der Großteil der Jugendsubkulturen ist in den letzten Jahren jedoch eher durch linke Ideen geprägt.

Wie kommt es, dass sich eine Jugendkultur wie HipHop in Italien politisch eher links verortet, und es eine Tradition der Zusammenarbeit mit linken Gruppen gibt? Hast Du eine Erklärung dafür, weshalb eine solche Connection z.B. in Deutschland nicht funktioniert hat?

HipHop ist in Italien praktisch aus den linken Bewegungen heraus entstanden. Die sozialen Zentren waren die Orte, wo man italienischen HipHop hörte und spielte, die ersten Labels und Studios waren ebenfalls in diesem Umfeld verortet. Wer also angefangen hat, HipHop zu machen, kam gar nicht um die Zentren herum. So war HipHop von Beginn an auch ein Teil der Bewegung, eine soziale Angelegenheit, und es gab nicht diese Spaltung der Lebensrealitäten, wie es in Deutschland der Fall war.

Interview: Hannes Loh

 


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